Marta Herford (MH): Ein zentrales Thema in Deiner Arbeit ist die Auseinandersetzung mit Architektur und der Frage, was Architektur sein kann. Warum interessierst Du Dich für Architektur?

Erika Hock (EH): Im Grunde geht es mir immer um den Körper und dessen Verhältnis zum gebauten/konstruierten Raum. Daher knüpfe ich nicht nur Bezüge zu Architektur, sondern auch vor allem zum Interior Design oder zur Mode. Diese Bereiche sind miteinander verwandt. Sie sind beispielsweise in ähnliche Zeitökonomien eingebunden. Architektur entsteht zwar sehr langsam, hat aber ebenso wie Mode keine volle Gegenwart, da sie sich immer aus der Vision in die Zukunft stürzt, aber sobald sie gebaut ist, bereits als veraltet erscheint.

MH: Oftmals lassen sich Deine Arbeiten nicht eindeutig als Modell, Möbel, Skulptur oder Installationen einordnen. Die herkömmliche Trennung zwischen Kunst, Architektur und Design verschwimmt. Worin liegt für Dich der Reiz in dieser Grenzüberschreitung? Kann die bildende Kunst von der Architektur und vom Design etwas ‚lernen‘?

EH: Ich glaube nicht, dass es zwischen den Bereichen eine klare Trennung gibt. Der Zwischenraum ist so groß, dass man nicht von Grenzen sprechen kann. Mich interessiert eben genau dieser Zwischenraum, in dem man selbst entscheiden kann, was man vor sich hat. Viele ArchitektInnen und DesignerInnen haben in der Vergangenheit Objekte geschaffen, die nicht nur Gebrauchsgegenstände waren, sondern auch Geschichten über Geschichten erzählten, die ihrerseits über die Jahrzehnte unterschiedlich gelesen wurden. In meinem Fall war das Cineorama beispielsweise erst eine Skulptur und ein Modell. Und selbst als gebauter Pavillon hatte es noch einen uneindeutigen Status – war es nun Möbel oder Architektur? Es war mir immer ein Anliegen, dass ein Objekt das Potenzial hat, sich in etwas anderes zu verwandeln. Eindeutige Strukturen langweilen schnell. Es ist viel interessanter sich auf wackeligen Boden zu begeben.

MH: Du beziehst Dich häufig auf Ikonen der Architektur und des Designs. Sind Deine Arbeiten eine Art „Hommage“? Oder eher Paraphrasen? Oder Kommentare? Oder geht es Dir um die besondere und innovative Formgebung dieser Ikonen?

EH: Das ist von Arbeit zu Arbeit sehr unterschiedlich Beim Dreischeibenhaus beispielsweise ist es die innovative Form und die Funktion, die es in der Stadt einnimmt, nämlich die eines urbanen Raumteilers. Das hat mich gereizt und dazu veranlasst, daraus ein raumtrennendes Möbelobjekt zu machen. Bei der Arbeit For Charlotte P. handelt es sich eher um eine Hommage. Hier haben mich die Umstände interessiert, unter denen die französische Architektin und Designerin Charlotte Perriand gearbeitet hat. Sie war in meinen Augen viel experimentierfreudiger und spielerischer als ihr berühmter Kollege Le Corbusier, blieb aber in seinem Schatten. Ihr Umgang mit den sogenannten Objets Trouvés, die jeder nur von Le Corbusier kennt, ging viel weiter, da sie die gefundenen Objekte inszeniert und fotografiert hat, was für mich viel spannender ist. Ich habe eines ihrer gefundenen Objekte einem ihrer Fotos nachempfunden und es sozusagen „weitergestrickt“.

MF: Du arbeitest oft  mit modularen Systemen und variablen Strukturen, die auch im Werk von Heinz und Bodo Rasch präsent sind. Siehst Du in Deinen Arbeiten Schnittstellen und/oder Parallelen zu den Werken der Brüder Rasch?

EH: Um ehrlich zu sein, kannte ich von den Brüdern Rasch nur die Stühle und nicht ihre Architekturentwürfe. Ich habe mich für die Entstehungsgeschichte des Freischwingers interessiert und bin auf den Sitzgeiststuhl gestoßen. Parallelen sehe ich im Umgang mit dem Körper. Ich war fasziniert davon, wie sehr es den beiden daran gelegen war, einen Stuhl zu entwerfen, der sich praktisch an den Körper anschmiegt, der ihn nachformt. Außerdem schätze ich sehr den subtilen Humor der beiden Brüder: Sitzgeiststuhl ist ein toller Name für einen Stuhl und der Bezug zu Christian Morgensterns Gedicht ist wundervoll.

MH: Im 20. und 21. Jahrhundert haben sich viele Künstler mit Architektur auseinandergesetzt und zum Teil auch selbst Architektur entworfen. Du hast mit dem Cineorama – Pavilion of Moving Images eine nomadische und temporäre Architektur geschaffen. Würdest Du gerne mal ein Haus/Gebäude entwerfen und anschließend auch bauen?

EH: Ganz eindeutig: Ja. Dies ist ja schon mit Cineorama passiert, aber ich würde das sofort noch einmal wiederholen. Ich interessiere mich sehr für Pavillons, da sie sowohl als Skulptur als auch als Architektur gelesen werden können und ihnen auch immer etwas Verspieltes anhaftet. Zurzeit würde ich aber anstatt Häuser zu bauen noch lieber Häuser ausstatten – am liebsten eine Bar oder ein Hotel. Oder einen Kindergarten. Im Moment entwerfe ich Objekte für Spielplätze, sogenannte Playscapes, die von Isamu Noguchi inspiriert sind.